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[6] Im Kontext der Boîte (hier die Luxusversion Boîte-en-valise)
wird jede Reproduktion innerhalb des vorgegebenen Rahmens verortet: das
Große Glas, bis dahin Duchamps Hauptwerk, wird mittig gestellt,
und links davon erscheinen drei übereinandergestaffelte Readymades,
womit deren zentraler Stellenwert einsichtig wird. An der genauen Beschreibung
dieser Arbeiten läßt sich das Materialspektrum ablesen, mit
dem Duchamp gearbeitet hat und für das er hier nach einer adäquaten
Umsetzungsmethode suchen mußte: Glas, Blei, Leder und Porzellan.
Plötzlich werden Readymade-Objekte, die zuvor großenteils davon
gekennzeichnet sind, daß Duchamp kaum Hand an sie gelegt hat, mit
äußerster Sorgfalt selbst produziert.
Die schon weiter vorne gestellte Frage nach der Positionierung wird hier
erst richtig interessant: bei so viel Sorgfalt und Zeit, wie Duchamp sie
in die Boîtes investiert hat, kann es kein Zufall sein,
daß das Pissoir funktionsentsprechend eingebaut ist. Da es in den
seltensten Fällen einen Konflikt mit einer historisch korrekt aufgetragenen
Signatur gibt, sehen wir hier eine Art Befreiung von der Fotografie Stieglitz.
Wie bewußt Duchamp sich davon löst, bleibt Spekulation, aber
umso interessanter ist, daß bis hin zu dem aktuellsten Artikel von
Karina Türr die Position der Stieglitz-Fotografie als verbindlich
angenommen wird. Dies würde allerdings die Annahme schwächen,
daß das Readymade-Objekt nur ein Stellvertreter der Idee oder Transporteur
des neuen Gedankens ist und wie von Duchamp auch mehrfach praktiziert
von einem anderen, ähnlichen oder sogar nur abbildenden Objekt
ersetzt werden kann. Die Readymade-Strategie und das einzelne Readymade
sind bei Duchamp mit einer jeweils individuellen Geschichte verwoben,
die immerhin deutlich macht, daß Duchamp dieses Verfahren nicht
einfach einem Muster entsprechend einige Male praktiziert hat, sondern
mit jedem einzelnen Readymade auch einen jeweils anderen Schwerpunkt ausgelotet
hat (zu dem Readymade-Konzept siehe Daniels S. 166ff).
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Marcel Duchamp, Edition de ou par Marcel Duchamp
ou Rrose Sélavy, signiert 1949,
Boîte-en-valise Nr. XX/XX, 39 x 35 x 8 cm (Schachtel),
41 x 38 x 10,5 cm (Koffer)
Blick in die Schachtel bei geöffnetem Deckel und Positionierung von
Fountain
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