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Ursprung
Dieser Text entstand aus einer Laune heraus. Und lassen sie sich sagen,
dass es gute Laune war. Er malträtiert die Leser mit einer altertümlich
gediegenen Sprache und einen gespaltenen Selbstmitteiler. Nebenbei wird
das Medium Tagebuch reflektiert und noch so einiges mehr. Wer das Lesen
zwischen den Zeilen mag, kommt voll auf seine Kosten.
Leseprobe
Da das Tagebuch für eine Website zu lang ist, beschränke ich
mich auf eine willkürliche Auswahl an Tagebuch-Einträgen. Dadurch
wird aber ein adäquater Eindruck des Textes vermittelt.
Bilder
Zwischen die Einträge sind noch beispielhafte, aber ebenso willkürlich
gewählte Grafiken aus dem nebenstehend beschriebenem Künstlerbuch
gestreut. Dies sind somit die einzigen Bilder der gesamten Website, die
nicht aus meiner Hand stammen (hier ein Gruß an Jan Schönfelder).
Das Tagebuch des Grimbald Liebesgrund
herausgegeben und mit einer Editorischen Notiz versehen von Ragupan Meyerwick
Für N.
4.9. Liebes Tagebuch, ich wende mich an Dich wie an ein Publikum, dem
ich mich offenbaren muss; seien es Ärzte, Therapeuten oder Psychologen.
Doch da ich im Vollbesitz meiner geistigen Fähigkeiten stehe - und
zu diesem Zeitpunkt eigentlich noch darüber - erwähle ich mir
mein Auditorium selbst; und das sollst Du sein. Natürlich gibt es
hierfür einen Anlass. Diese Form der Selbstmitteilung ist mir noch
neu und fremd, aber ich brauche eine Dokumentation, vielleicht besser
ein Psychogramm, für die Phase meines grossen Projektes. Denn ich
beabsichtige etwas Ungewöhnliches, Ausserordentliches, Ganzes forderndes
anzugehen und möchte den roten Faden der Entwicklung, wenn schon
nicht für die Nachwelt (ihr banales und flüchtiges Interesse
ist mir zuwider), dann wenigstens für mich selbst geflochten wissen
durch die Wirren der vielleicht anstehenden Ereignisse. Drum sei mir Spiegel,
Widersacher, Alter Ego, immer jedoch auf der Höhe, auf der ich selbst
mich befinde.

5.-- Eine Projektbeschreibung:
Auch wenn körperliche und geistige Einheit nicht so existiert, wie
meine jüngsten Überlegungen sich wünschen würden,
will ich mich quasi in einem Selbstversuch dem Beweis hingeben, dass,
mit besonderer Konsequenz angegangen, diese Art der Einheit dennoch erlangt
werden kann. Ich meine damit eine Einheit, die frei ist von rein äusserlichen
und alltäglichen Gewohnheiten wie Essen, Trinken, Pipi machen oder
einkaufen gehen. Ebenso die ständige Anwesenheit bei einer Arbeitsstelle,
Lesen oder Telefonieren. Ach, endlos könnte ich diese Aufzählung
fortsetzen und doch wäre der grösste gemeinsame Nenner immer
derselbe: Handlungen, die den Körper erhalten und den Geist bereichern.
Diese Gemeinsamkeit von Körper und Geist - pure Abhängigkeit
von immer wiederkehrenden Handlungen - bildet keine Einheit aus sich selbst
heraus. Sie existiert nur auf der Ebene einer automatischen, von der Sozialisation
und Erfahrung eingeübten Funktion, die täglich in stupider Form
wiederholt wird, ohne eine Veränderung zu verlangen oder gar zu wünschen.
Dieser Tatbestand hat mich in den letzten Jahren solcherart frustriert,
dass ich nur noch eine Lösung sehe, meine trübe Gemütslage
durch die Farben des Regenbogens aufzufrischen: den Kreislauf der Monotonie
zu durchbrechen, indem jeder Tag mir die eine Aufgabe zur Bewältigung
stellt, dass ich niemals auch nur eine Handlung in eine Gewohnheit übergleiten
lasse, was bedeutet, dass ich sie von immer neuer Seite aus anpacke! Nicht
die Verweigerung der lebensnotwendigen Handlungen steht dabei im Mittelpunkt,
sondern eine Einheit aus Körper und Geist zu praktizieren, die sich
jede Stunde, Minute, Sekunde neu definiert und damit in Wahrheit lebendig
und einzigartig ist und bleibt. Nichts Geringeres, aber auch nicht mehr!

19.5. Ich habe mir meine Zahnpasta in mehrere kleine Döschen abgefüllt
und sie in der gesamten Wohnung verteilt. Noch ganz erfüllt von dieser
kleinen Raffinesse wurde ich schon am Abend mit dem Ergebnis konfrontiert,
dass ich den Aufenthaltsort von mindestens zwei Dosen vergessen habe.
Doch für knapp einen Monat ist sichergestellt, dass ich nicht an
dieselbe Stelle muss, um die medizinische Paste auf meine Bürste
zu holen.
An der Haustür war ein ehemaliger Zuchthäusler, der mir ein
Gespräch über die Wiedereingliederung anbot. Für den Bruchteil
einer Sekunde war ich der Versuchung nahe, ihm im Gegenzug von meinem
Projekt zu erzählen (denn ich würde ihn nie wiedersehen, wir
sind einander anonym). Doch es soll mein kleines Geheimnis bleiben, es
darf nicht so früh von kleinen Missgeschicken gefährdet werden.
Nun habe ich also eine zweite Fernsehzeitung abonniert, bin aber gestärkt
ob meiner Geheimhaltung aus dieser Begegnung hervorgegangen.
20.1. Es ist schön, Deiner als Zuhörer gewiss zu sein. Fast
befällt mich das Gefühl, vor Deiner Existenz etwas einsam gewesen
zu sein. Nun bin ich zwei, einmal schreibend, einmal geschrieben.
7.5. Kreptoblohm! Sobald ich den Stift ergreife, befällt mich eine
Unruhe, die ich mir nun erklären kann: es ist die Sprache, die ich
verwende. Wie soll ich Wiederholungen von Wörtern vermeiden, die
unersetzlich sind? Soll ich mich nur noch in Skizzen ausdrücken,
in kleinen Bildchen, die dem asiatischen Schriftzeichen verwandt sind?
Nein, das ist unmöglich und ich will es auch nicht. Der Kompromiss,
den ich damit eingehe, ist nur gering und ich wäre nicht ich, hätte
ich nicht einen kleinen Ausweg parat. Fortan werde ich unschuldige Wörter
kreieren, deren tatsächlichen Sinngehalt nicht einmal ich zu bestimmem
vermag. So ist es auch kein Vergehen an Dir, liebes Tagebuch, da wir beide
sie nicht kennen werden. Darüberhinaus gebührt Dir die Ehre,
sie zu sammeln und zu archivieren. Wer weiss, wozu sie noch einmal taugen.
Schasskoff.

2.-- Mit jedem Tag werde ich gerissener, wie ich es mir selbst nicht zugetraut
hätte. Habe mein Schwarzbrot zweimal bestrichen. Das tue ich weder
jeden Morgen, noch werde ich es in Zukunft tun. Was sagst Du dazu, mein
stummes, gefügiges Papier: so bekam sowohl mein Körper etwas
doppelt als auch mein Geist - und die Einheit von ihnen dünkte mich
gleich mehrfach zu beglücken.
23.-- Bin in eine Kunstausstellung gegangen, was mir ja sonst nicht unterkommt.
Was gab es zu sehen? Ich war empört, zuerst weil ich keine Kunst
zu sehen meinen glaubte, dann weil ich in meinem Projekt empfindlichst
verunsichert wurde. Wullz. Im Foyer des Museums blickte ich auf eine Waschmittelbox
und ein Stück Torte. Gerade zuvor versorgte ich mich für das
bevorstehende Wochenende mit Lebensmitteln im Supermarkt und nun stehe
ich vor den gleichen Produkten! Wie soll ich auf diese Weise einen Beweis
antreten, der gewiss ungleich anspruchsvoller ist, als eine Torte aus
Plastik zu giessen, wenn ich an vermeintlich kulturellen Orten von ebendiesen
masslos hintergangen werde? Nun wirst Du sicher einwenden, mein kunstloses
Kunststück, dass das Dargebotene doch bestimmt nicht von dieser Absicht
getrieben wurde, jedoch halte damit bis zu meiner Aufzählung ein,
die die anderen Exponate benennt: einen Staubsauger, ein Bügeleisen,
einen Flaschentrockner und einen Teebeutel, diverse Skulpturen, in denen
normalerweise Shampoo abgefüllt ist und auch noch Teddybären,
Eierbecher und Spirituosen verschiedenster Art. So ginge es endlos weiter,
wenn mir nicht erst der Kragen geplatzt wäre und ich den Raum verliess,
danach aber der rettende Gedanke kam, wie ich mein Projekt vor Beschädigung
retten könnte. Ich kehrte zurück in die Ausstellung und bediente
mich bei den Produkten als sollten sie meinen persönlichen Bedarf
decken, schritt zur Kasse und wollte zahlen. Zwar wurde mir dieser Wunsch
letztlich nicht ganz verweigert, aber unter misstrauischen Blicken wurde
mir ein Preis genannt, der wirklich nur noch daran denken lässt,
dass ich in meinem Projekt behindert werden sollte. Doch zu diesem Zeitpunkt
hatte ich mich ja schon souverän in meiner Handlung gezeigt und den
Spiess umgedreht; da war es mir egal, ob ich die Waren auch erstehe. Meine
symbolische Tat stellte mich vollauf zufrieden. Die Gesichter hättest
Du aber sehen sollen, mein kostbarer Vertrauter, ich habe ihnen wirklich
ihre Grenzen aufgezeigt.

12.-- Die Zimmerpflanze, die ich besitze, ist eingegangen. Eine Yucca-Palme.
Habe ich sie nicht richtig gepflegt? Täglich habe ich mir die Mühe
gemacht, eine andere Methode des Wässerns auszuüben, verschiedene
Behälter, wechselnde Zeiten, unterschiedliche Mengen und die akrobatischsten
Verrenkungen beim Giessen. Glündemuht. Auch hier zeigt sich die Überlegenheit
des Menschen und seines Willens. Nicht nur Durchhalten, sondern auch Flexibilität
und Einheit von Geist und Körper.
Während des Spaziergangs beobachte ich eine junge Dame. Mir fällt
auf, dass ich mich dabei recht ungeübt verhalte, dreht sie sich doch
beständig nach mir um, so dass ich um des Projektes willen meinen
Beobachtungsposten aufgeben muss.
15.-- Oh Honiglust der Liebe, an Dir habe ich mich gelabt! Mein Weg führte
mich an jenen Beobachtungsposten, obwohl ich dieses Mal auf Rollschuhen
fahrend aus Richtung Nordnordost kam, um mit einem leichten Schwenker
Südwestsüd anzupeilen. Wollte es Gevatter Schicksal oder hat
Cupido seinen Pfeil verschossen? - rase ich doch unwillens auf ein bauschiges
Weiss zu und komme nur Millimeter vorher zu Stehen. Sie war es, ein Wesen
voller Zartheit und Finesse, Anmut und Edelsinn, Leichtigkeit und Wärme!
Nun war ich schon geradezu mit ihrer Nase vertraut (siehe Millimeter),
da liess sich schlecht so ohne Worte davoneilen. Eine Entschuldigung lag
nahe, denn ihr lag der Schreck im Blick. Also stellte ich mich vor, verbeugte
mich, gab meiner Bewunderung Ausdruck, lobte das Wetter und wollte soeben
ihre Hand küssen, als ich es ganz deutlich hörte: Glündemuth.
Jawohl, das sagte sie. So schnell dies alles geschah, war es auch vorüber.
Sie entfernte sich mit eiligem Schritt und ich registrierte erst jetzt,
dass eine meiner Achsen gebrochen war. Aber, so sag doch selbst, lieber
Seismograph meiner Befindlichkeit, habe ich hier nicht ein verwandtes
Wesen getroffen? Ist das überhaupt mit meinem Projekt zu vereinbaren?
Wird sie mir morgen womöglich Larmespfehl ins Ohr säuseln?
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KÜNSTLERBUCH
Zusammen mit
>> Jan Schönfelder entstand das gleichnamige Künstlerbuch.
Die computer-collagierten Bilder von Jan Schönfelder bilden sowohl
eine heitere Entsprechung als auch einen spannungsvollen Gegenpol zu diesem
Text. Das Buch wird nur auf Anfrage angefertigt.
AUSDRUCK
Da das Lesen eines solch langen Textes am Bildschirm sehr anstrengt, empfehle
ich diese Seite auszudrucken
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